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Interview mit Prof. Dr. med. Ulrich Pulkowski: »Organspende: Werden Sie Lebensretter«

Interview mit Prof. Dr. med. Ulrich Pulkowski

Interview mit Prof. Dr. med. Ulrich Pulkowski

Unsere Kollegin Sabrina Schinkel (Servicetelefon) stellt sich zur Verfügung, um zu demonstrieren, welche Organe gespendet werden können

Unsere Kollegin Sabrina Schinkel (Servicetelefon) stellt sich zur Verfügung, um zu demonstrieren, welche Organe gespendet werden können

Neben Organen kann auch Gewebe gespendet werden

Neben Organen kann auch Gewebe gespendet werden

Jeden Tag sterben in Deutschland drei Menschen, weil es zu wenige Organspenden gibt. »Jeder sollte eine Entscheidung zur Organspende treffen«, fordert Professor Ulrich Pulkowski. Als Transplantationsbeauftragter der imland Klinik koordiniert der Neurologe die Aktivitäten rund um die Organspende.

 

Seit 2010 ist Professor Ulrich Pulkowski Chefarzt der Neurologie der imland Klinik in Rendsburg, Schleswig-Holstein, und Transplantationsbeauftragter der Klinik. Neben seinen Schwerpunkten der Schlaganfallmedizin und der neurologischen Intensivmedizin beschäftigt er sich seit Mitte der 1990er-Jahre mit der Diagnostik des Hirntodes, der Voraussetzung für die Organspende ist. Er ist zu diesem Thema deutschlandweit als Referent tätig.

Herr Professor Pulkowski, die meisten Menschen befürworten die Organspende. Einen Organspendeausweis haben aber nur wenige. Warum ist der Ausweis so wichtig?
Der Organspendeausweis ist der letzte Wille des Verstorbenen und für uns Ärzte die Bestätigung, dass eine Organspende gewünscht wird. Er entlastet auch die Angehörigen des Verstorbenen ungemein, weil die Fahndung nach dem »mutmaßlichen Willen« des Verstorbenen entfällt. Sie können sich vorstellen, wie bedrückend kurz nach einer Todesnachricht die Frage nach einer möglichen Organspende ist, wenn, wie so häufig, der Wille des Verstorbenen zu diesem Thema nicht bekannt ist. Das können Sie Ihren Angehörigen durch einen Organspendeausweis ersparen. Betonen möchte ich, dass Sie dort auch ankreuzen können, keine Organspende zu wünschen. Niemand muss sich für seine Entscheidung rechtfertigen, aber ich finde es wichtig, dass eine Entscheidung getroffen wird.

Das Thema Organspende sorgt oft für Verunsicherung. Welche Bedenken gibt es – und sind diese begründet?

Ich glaube, die Hauptbedenken betreffen den irreversiblen Hirnfunktionsausfall – in der Bevölkerung als »Hirntod« bekannt. Obwohl die Diagnosekriterien sehr streng sind, wird von Einzelnen bezweifelt, dass der Hirntod mit dem Tod des Menschen gleichzusetzen ist. Ich bin als Arzt und Neurologe von diesem Kriterium absolut überzeugt: Das Gehirn ist das zentrale Integrations-, Regulations- und Koordinationsorgan. Es ermöglicht dem Organismus, dynamisch auf die Umwelt zu reagieren. Dieses physiologisch selbst initiierte, selbst gesteuerte, aktive wie reaktive Verhalten ist die zentrale Kategorie, die das Leben ausmacht. Die Grundlage für Subjektivität ist nach dem Hirntod erloschen, unsere personale Identität ist untergegangen.Auch die christlichen Kirchen und der Islam unterstützen die Organspende und das Hirntodkriterium. Dort wird die Organspende als höchste Form der Nächstenliebe betrachtet.

Was wird unter einem Hirntod verstanden?
Der Hirntod ist ein extrem seltenes Ereignis, weil ein Kriterium des Hirntodes der Atemstillstand ist: Somit muss ein Patient eine schwere Hirnschädigung (zum Beispiel durch einen Unfall, einen Schlaganfall oder auch durch Sauerstoffmangel vor einer Wiederbelebung) haben, ansonsten aber eine intakte Organfunktion, die nur künstlich durch ein Beatmungsgerät aufrechterhalten wird.

Ist es möglich, dass ein Patient irrtümlich für hirntot erklärt wird?
Es ist kein Fall bekannt, bei dem bei einer richtig durchgeführten Hirntoddiagnostik ein Patient irrtümlich für hirntot erklärt wurde: Sie ist damit die sicherste Diagnose in der Medizin überhaupt. Durch verschiedene redundante, klar vorgegebene Untersuchungen und zwei voneinander unabhängige Fachärzte, von denen mindestens einer Neurologe ist, wird die Sicherheit noch weiter erhöht.

Wird der Spender normal bestattet?
Selbstverständlich können die Angehörigen den Verstorbenen nach der Organspende noch einmal sehen und ihn völlig normal bestatten. Eine Organspende findet, auch was den Spender angeht, unter den hohen qualitativen und ethischen Kriterien einer normalen Operation statt.

Gibt es eine Altersgrenze?
Nein, es gibt keine Altersgrenze. Entscheidend ist die Organfunktion: Auch ältere Menschen können ihre Organe spenden. Selbst im höheren Alter können Sie zum Beispiel einem älteren Menschen durch die Spende Ihrer Niere noch erfüllte Jahre schenken.

Haben Sie selbst einen Organspendeausweis?

Selbstverständlich und zwar seit vielen Jahren! Ich habe seit über 20 Jahren tiefe Einblicke in die Transplantationsmedizin und habe gesehen, wie heilbringend, lebensrettend und beglückend eine Organspende für den Empfänger sein kann, weil der Tod noch abgewendet werden kann oder großes Leid gelindert wird. Das ist bis heute mein Antrieb, mich für die Organspende einzusetzen, und es macht mich traurig, dass durch den Organmangel in Deutschland jeden Tag drei Menschen auf den Wartelisten sterben! Jedem von uns muss klar sein, dass die Wahrscheinlichkeit, ein Organ zu benötigen, 20-mal höher ist als die Wahrscheinlichkeit, ein Organ zu spenden. Sollte der Fall eintreten, dass ich selbst, meine Frau oder meine Kinder ein Organ benötigen, dann würde ich sehr hoffen, dass ein Organspender für mich oder meine Familie gefunden wird. Da erscheint es mir selbstverständlich, auch meine Organe zu spenden und meinem Tod vielleicht dadurch noch einen Sinn zu geben. Ich kann mich da den Kirchen nur anschließen: Das ist nun wirklich die reinste Form der Nächstenliebe!

Herr Professor Pulkowski, herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Treffen Sie Ihre Entscheidung
Mit einer Organ- oder Gewebetransplantation kann kranken Menschen oder Menschen mit Behinderung die Chance auf ein neues oder besseres Leben eröffnet werden. Voraussetzung dafür ist, dass sich Menschen dazu bereit erklären, nach ihrem Tod Organe und/oder Gewebe zu spenden. Wir bitten Sie daher, sich mit dem Thema Organ- und Gewebespende zu beschäftigen und Ihre ganz persönliche Entscheidung zu treffen.

Sie möchten Organspender werden?
Dann drucken Sie sich diesen Organspendeausweis aus und füllen ihn aus. Alternativ können Sie Organspendeausweise bei uns unter unserer kostenfreien Servicenummer 0800 0435510 anfordern.
Tragen Sie ihn bitte möglichst immer bei sich – am besten in Ihrem Portemonnaie.

Sie haben weitere persönliche Fragen?
Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) bietet in Zusammenarbeit mit der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) ein Infotelefon an, unter der gebührenfreien
Rufnummer 0800 90 40 400 (montags bis freitags von 9 bis 18 Uhr).
Weitere Informationen finden Sie auch im Internet unter: www.organspende-info.de


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